Kuhhirte

Sellrainer Hüttenrunde

Sechs Tage hochalpines Wandern: 100 Entfernungskilometer, 6.200 Höhenmeter, sechs Schutzhütten, acht Teilnehmer, viel Spaß, viel Anstrengung, phantastische Aussichten, Ruhe und saubere Luft, interessante Gespräche, viel Abwechslung, gutes Essen, Pech und Glück .. das war unsere einwöchige Sellrainer Hüttenrunde 2021.

Immer mit dabei: meine H3-17, eine 14oz raw selvedge denim Jeans von Johann Ruttloff. Meine Erfahrungen mit der Hose beschreibe ich im Detail in dem Blogbeitrag Praxistest Johann Ruttloff H3-17.

Unsere Wandergruppe
Unsere Wandergruppe

Zur Potsdamer Hütte

Tag 1: Unsere Anreise

Es ist schon bitter, Samstag morgen um 07:00 Uhr auf die A3 zu fahren, um zehn Minuten später in einer Vollsperrung festzustecken. 2,5 Stunden Stehen. Und nach dem Stau ist vor dem Stau, ist nach dem Stau, ist vor dem Stau.
Letztlich kommen wir mit vier Stunden Verspätung in Sellrain an.

Also kürzen wir den Aufstieg zur Potsdamer Hütte ab und parken in Bergheim-Fotsch (1.464m). Wir wollen nicht zu spät zum Abendessen kommen. Die Hütten haben feste Essenszeiten, typischerweise 18:00 Uhr oder 18:30 Uhr.
Vom Waldparkplatz sind es überraschend anstrengende 1,5 Stunden Aufstieg zur Potsdamer Hütte auf 2.009m. Kein Wunder nach neun Stunden im Auto sitzen.

In der Hütte bekomme ich einen Platz im Matratzenlager. Hier hänge ich auf der mitgebrachten Wäscheleine Jeans, Handtuch und Shirt zum Trocknen auf. Das Shirt ist stark verfärbt. Nun ja, raw denim halt. Außerdem färbt mein alter Ledergürtel ab. Zusammen ergibt das ein hässliches blau-braun.

Mein Schlafplatz ist am Fenster, welches die Nacht über geöffnet bleibt. Das ist sinnvoll, lässt mich aber in den Morgenstunden frieren. Außerdem schnarcht ein paar Meter weiter ein Kollege gewaltig. Ich kann nicht schlafen und wundere mich, dass jene, die direkt neben dem Schnarcher liegen, ihn nicht wecken. Irgendwann langt dann doch jemand rüber, rüttelt ihn und sagt “Zurückhaltung”. Nur dieses eine Wort. Und es hilft. Kein Schnarchen mehr in der restlichen Nacht. “Zurückhaltung” – das muss ich mir merken.

Potsdamer Hütte → Westfalenhaus

Tag 2: Die abwechslungsreiche Etappe

Wir starten morgens um 8:00 Uhr mit dem Aufstieg zum Roten Kogel. Dieser liegt auf 2.832m. Unsere Anstrengung wird mit einer schönen Gipfelpause bei bestem Wetter belohnt.

Dann beginnt der lange, sehr lange Abstieg nach Lüsens (1.634m) zum Mittagessen. Einer von uns ist schneller als alle anderen und etwas vorausgelaufen. Und wählt an der einzigen Weggabelung prompt die falsche Route. Er nimmt den Weg über Praxmar (1.687m) und ist prompt anderthalb Stunden vor dem Rest im Restaurant. Alle anderen nehmen die südliche Route, die lange Zeit sehr schön durch den Wald verläuft. Noch lange bevor wir in Lüsens sind, brennen allen die Oberschenkel.
Manchmal ist der falsche Weg eben der richtige Weg ..

Leider ist Lüsens nicht unser Tagesziel, sondern erst knapp 2/3 auf dem Weg zum Westfalenhaus (2.276m).
17:30 Uhr sind wir endlich am Ziel und haben unterwegs noch Regen, Hagel und Gewitter mitgenommen.
Insgesamt sind wir heute 17 Entfernungskilometer bei 1.600 Höhenmetern gelaufen.

Zur Halbpension im Westfalenhaus gehört ein Viergänge-Menü. Heute gibt es Gemüsesuppe, Salat, Spaghetti und Eis. Nicht Weltklasse, aber ordentlich gekocht. Ich lerne noch etwas über die Kostenstruktur der Schutzhütten des Deutschen Alpenvereins (DAV). Der Verdienst für die Pächter ergibt sich aus den Erlösen aus der Bewirtung. Laut DAV gibt es aber noch eine Rückvergütung pro Nächtigung [dav-huettenpacht].

Westfalenhaus → Pforzheimer Hütte

Tag 3: Die spielerische Etappe

Schlechtes Wetter ist angesagt: Regen und Nebel. Der Aufstieg zur Zischgenscharte (2.926m) verläuft steil über ein Geröllfeld. Oben nutzen wir die Sicherungsseile. Beim langgezogenen Abstieg haben wir mit dem Wetter Glück. Insgesamt ist es heute eine vergleichsweise kurze Wanderung. Wir sind 8:00 Uhr gestartet und gegen 13:00 Uhr am Ziel, der Pforzheimer Hütte (2.300m).

Die Hütte hat einen sehr schönen Außenbereich, den wir gerne nutzen. Die Hängematten sind super. Der Gastraum ist urgemütlich. Wir haben hier stundenlang gesessen und gespielt: Phase 10, Hornochse und Kniffel.

In unserem 6er-Zimmer kam am Abend so etwas wie Kinderferien-Flair auf:

Unter einer Fichtenwurzel hörte ich einen Wichtel furzen.
Ich hörte einen Wichtel furzen unter einer Fichtenwurzel.

Alter deutscher Zungenbrecher

Nächsten Morgen bildet sich eine lange Schlange an der “Essensausgabe”. Also kein Frühstücksbuffet, sondern Zuteilung mit Fragen zur genauen Angabe der Anzahl an Brotscheiben, die ich zu essen plane. Ich bin nicht sicher, ob das tatsächlich “wegen Corona” so gehandhabt wird.

Pforzheimer Hütte → Schweinfurter Hütte

Tag 4: Die leichte Etappe

Wir haben uns für die kurze Route über den Gleirschjöchl-Pass (2.751m) entschieden. So lassen wir uns am Morgen Zeit, da die heutige Etappe locker in drei Stunden zu schaffen ist.
Leider haben sich einige von uns den Magen verdorben. Wir wissen nicht wo und woran. Bei der gestrigen Etappe gab es jedenfalls schon erste Anzeichen. Letztlich wird für die Betroffenen so aus einer kurzen Wanderung eine lange Qual. Da die Landschaft keinerlei Deckung bietet, gibt es “Brechen auf freiem Feld”.

Wir wandern den selben Weg wie eine geführte Gruppe. Deren Tourguide macht uns auf einen Steinadler aufmerksam. Ein Murmeltier-Pfiff und die hiesige Nager-Population geht geschlossen in Deckung.

Die Gesundgebliebenen unter uns sind, bei der Schweinfurter Hütte (2.034m) angekommen, noch nicht ausgelastet. Also lassen wir uns von der Wirtin eine Route empfehlen und wandern am Nachmittag den Schäferweg entlang. Ohne schweren Rucksack richtig befreiend, aber letztlich sind diese zusätzlichen 2,5h doch anstrengend.

Kannst Du nicht wie der Adler fliegen,
klett’re nur Schritt für Schritt bergan;
wer mit Mühe den Gipfel gewann,
hat auch die Welt zu Füßen liegen.

Viktor Blüthgen (1844 – 1920)

Für heute lassen wir es mit dem Wandern gut sein und ruhen uns für die morgige sehr schwere Etappe aus.

Die Schweinfurther Hütte gehört für mich zu den sehr sympathischen: sehr freundliches und hilfsbereites Personal, etwas längere Duschzeiten pro Euro als in den vorherigen Hütten. Nur das Zimmer mit seinen weiß getünchten Wänden und Decken vermittelt so gar kein Hüttenflair.

Schweinfurter Hütte → Neue Bielefelder Hütte

Tag 5: Die königliche Etappe

“Wenn es eine Königsetappe auf der Sellrainer Hüttenrunde gibt, dann ist es wohl die Verbindung zwischen Schweinfurter und Bielefelder Hütte, auch als Wilhelm-Oltrogge-Weg geläufig. Dieser gehört aufgrund seiner kühnen Routenführung und nicht zuletzt der Länge sogar alpenweit zur ersten Liga der Höhensteige. Dabei präsentiert sich der Aufstieg durchs kleine Horlacher Steinkar bis zum höchsten Punkt an der Hochreichscharte .. durchaus noch handelsüblich. .. Man kann also buchstäblich von einem Panoramaweg der Extraklasse sprechen. Die Steiganlage ist gut eingerichtet .. Bei passenden Verhältnissen ist Genuss ohnegleichen versprochen (sofern man den Anforderungen gewachsen ist), andernfalls wäre das Wagnis nicht zu unterschätzen, zumal weit und breit keine rettende Zuflucht greifbar ist.” [mark-zahel]
Eine sehr passende Beschreibung. Wir haben für die Tour 9h:40min gebraucht. Das ist sicher keine Spitzenleistung, aber für alpenunerfahrene Flachländler wie mich respektabel. Der Abstieg ab Hochreichscharte (2.912m) verläuft zunächst meist in Nebel und Nieselregen, so dass es wenig zu sehen gibt. Dafür klamme Finger und die Sorge, an ungesicherten “Schikanen”, die der Weg für uns bereithält, abzurutschen. Zumal durch die starken Regenfälle der letzten Nächte mehrere Murgänge den ursprünglichen Weg schneiden.

Letztlich kommen wir fix und fertig bei der Neuen Bielefelder Hütte (2.112m) an. Ich mag diese Hütte besonders, auch wenn der Zustand unseres Zimmers eher etwas für robuste Gemüter ist. Das Abendessen ist ausgezeichnet. Wir haben lange in der Gaststube gesessen. Auch, weil die “Nachtschicht” der Hütte, ein fränkischer Stahlgießer, der hier während seines Urlaubs jobbt, ein klasse Unterhalter ist.

Mein Tageshöhepunkt war das kurze Gespräch mit einem Kuhhirten, Herr über 60 Rinder. Er, standesgemäß mit langem Hirtenstab und Lodenhose. Ich in Jeans. Wir sprachen über die Eigenschaften des Loden-Materials: “sehr viel robuster als Filz” und “wenn’s stark regnet, trägst ein paar Kilo mehr”. Ich fühle mich bestätigt, da gleiches für meine Baumwollhose gilt. Also sind auch in den Alpen Naturmaterialien weiterhin eine Alternative zu den sehr leichten und dehnbaren Synthetik-Stoffen.

Neue Bielefelder Hütte → Dortmunder Hütte

Tag 6: Die entspannte Etappe

Wir haben heute perfektes Wetter und lassen uns viel Zeit mit mehren Fotostopps und einer lange Pause am Bergsee. Der höchste Punkt ist das “Wetterkreuz” auf 2.599m.
Nach einem kurzem Aufstieg geht es lange Zeit nur bergab.
Das ist die erste Etappe, bei der ich längere Zeit mal nicht darauf achten muss, wo ich hintrete. Gut, um entspannt zu wandern und nachzudenken. Bei den bisherigen Etappen musste ich mich permanent auf den Weg konzentrieren.

Wir haben die elf Kilometer in knapp sechs Stunden abgebummelt und sind zum frühen Nachmittag am Ziel.

Kühtai ist ein Retortendorf, ganz auf die Ski-Saison eingerichtet.
Große Wohncontainer zeigen, dass das Aufstauen zweier Täler ein Großprojekt ist. Bis zur Fertigstellung sollen sechs Jahre vergehen.
Sprengungen im Halbstundentakt machen deutlich, wie sehr dafür in die Natur eingegriffen werden muss. So zeigt ein Projekt wie dieses, dass auch die derzeitigen ökologischen Formen der Energieerzeugung, in diesem Fall mittels Wasserkraft, auf die eine oder andere Weise große Schäden anrichten. Ich finde es wichtig, sich dieser Tatsache bewusst zu werden.
Ich bin davon überzeugt, dass wir den weiter wachsenden Energiebedarf nicht mit den heutigen Öko-Strom-Technologien decken können und auch nicht sollten. Wir brauchen neue Technologien für eine umweltschonende und sichere Erzeugung sehr großer Energiemengen. Das heißt, dass wir Wege finden müssen, unseren Energiebedarf wirklich ökologisch zu decken.
Mit praktisch unbegrenzten Mengen ökologisch erzeugter Energie werden wir künftig alle grundlegenden Probleme der Menschheit lösen. Alle!
Das bedeutet für unsere Gesellschaft noch mehr Investitionen in die Entwicklung wirklich umweltschonender Energieerzeugung und für jeden Einzelnen von uns den bewussten Umgang mit den vorhandenen Ressourcen.

Die Dortmunder Hütte (1.949) ist die modernste und am besten ausgestattete Hütte unserer Tour. Perfekt, um wieder in der Zivilisation anzukommen.
Wir bewohnen ein “Luxuszimmer” mit eigener Dusche.
Das Abendessen ist gut, wenn auch nicht so gut wie in den anderen Hütten. Ausgesprochen lecker war der Zirbenlikör, den der Wirt selbst eingelegt hat. Die Zapfen der Zirbelkiefer müssen dazu im Sommer von Hand gesammelt werden.

Die Hütte liegt an der Straße, gleich gegenüber der Bushaltestelle. Von hier fährt der Bus direkt nach Innsbruck.

Innsbruck

Tag 7: Wie viel Geld hast Du bei?

Wie viele größere Städte gibt sich Innsbruck bei der Anfahrt hässlich.
Die Stadt wurde im 2. Weltkrieg durch alliierte Bombardierungen stark zerstört. Deshalb stammt heute ein großer Teil der Bausubstanz aus der Nachkriegszeit.

Die Altstadt erstreckt sich im Wesentlichen über einen Straßenzug. Das Gebiet um die Maria-Theresien-Straße lässt sich in 15min durchlaufen. Allerdings nehmen sich die meisten Besucher deutlich mehr Zeit. Bei gutem Wetter bieten die steilen Bergfronten einen schönen Hintergrund für Fotos. Die Geschäfte sind oftmals Premium-Label-Stores und entsprechend stilvoll eingerichtet. Und natürlich hat’s Restaurants, Cafés und Eisdielen für unterschiedliche Geschmäcker. Kellner und Verkäufer kommen sympathisch professionell rüber. Sprüche wie “Vertraust Du mir?” oder “Wie viel Geld hast Du bei?” sind von entwaffnender Offenheit.

Für mich ist Tirols Hauptstadt als Endpunkt der Sellrainer Hüttenrunde ideal. Mit dem Zug bin ich in sechs Stunden zurück in Frankfurt am Main.

Ausrüstungstipp

Das wichtigste ist gutes Schuhwerk. Für diese Route braucht es keine Bergsteigerschuhe. Ordentliche Treckingstiefel der Kategorie BC sollten es aber schon sein. Ich würde mich auf jeden Fall beim Kauf beraten lassen und verschiedene Modell anprobieren. Wer nicht plant, stundenlang durch Bäche zu waten, kann und sollte auf eine Membrane wie Gore-Tex verzichten. Das Fußklima wird’s danken.

Und jetzt der Tipp: Ich habe Socken aus reiner Schafwolle getragen. Ein Paar habe ich zum Wandern benutzt. Ein zweites Paar kam am Abend in der Hütte zum Einsatz, um das erste Paar lüften zu lassen. Die Socken haben keinerlei Körpergeruch angenommen. Im Gegenteil, sie riechen jetzt, nach der Tour, genauso wie ein neues Paar, nur etwas weniger nach Schaf.
Wichtig dabei ist, dass die Socken aus 100% Wolle sind und dass sie NIE gewaschen werden. Nicht, wenn Sie neu vom Hersteller kommen. Auch nicht während der Hüttentour. Und auch nicht danach. Das ist einer der wenigen Dinge, die ich bei der Armee gelernt habe und noch heute gebrauchen kann: Für lange Märsche bzw. Wanderungen ungewaschene Natursocken nehmen und diese solange ungewaschen tragen, bis sie auseinanderfallen. Kann Jahre dauern.
Natürlich werden sie durch das Verfilzen mit der Zeit steif und unansehnlich. But, so what?

Wollsocken von normani - neu versus alt
Socken aus 100% Schafswolle: links ein neues, ungetragenes Paar und rechts das Paar, dass ich auf der Hüttenrunde trug

Fitnessempfehlung

Ich schätze, dass alle, die wenigstens zweimal pro Woche regelmäßig Sport treiben und sich dabei körperlich fordern, die Tour schaffen können. Lediglich die beiden langen Etappen könnten eine echte Herausforderung sein.

Organisation & Kosten

Die Wanderung ist gut ohne Guide zu schaffen.
Alle Wege sind hervorragend markiert. Trotzdem können Wander-Apps oder halt eine ordentliche Karte vom Gebiet sehr hilfreich sein.

Mitglieder des DAV erhalten auf die Übernachtungsgebühren Rabatt.
Zur Übernachtung kommen die Kosten für Abendessen, Getränke und Frühstück. Und meistens noch ein paar Euro fürs Duschen, WLAN, Lunchpaket und Lunchtee.
Ich als Nicht-DAV-Mitglied habe bei den meisten Hütten etwa 80 Euro bezahlt. Als Planungswert würde ich 100 Euro pro Tag ansetzen.

Hüttenquittungen
Hüttenquittungen

Links zu den Hütten und Quellen

[potsdamer-huette]https://www.potsdamer-huette.de/2021
[westfalenhaus]https://www.westfalenhaus.at/
[pforzheimer-huette]https://www.pforzheimerhuette.at/2021
[schweinfurter-huette]http://www.dav-schweinfurt.de/huetten/schweinfurter-huette/
[bielefelder-huette]https://www.bielefelder-huette.at/2021
[dortmunder-huette]https://www.dortmunderhuette.at/
[dav-huettenpacht]https://www.alpenverein.de/huetten-wege-touren/huetteninfo/arbeiten-auf-huetten/huettenpacht-kurz-erklaert_aid_34126.html2019
[mark-zahel]Trekking im Stubai; Rother Wanderführer
https://www.rother.de/de/stubai.html
2018

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