Ruttloff Organic H3-bMS

Für die einen ist Raw Selvedge Denim das einzige Material, aus dem echte Jeans sind. Und für andere muss es nicht unbedingt Raw sein, aber Selvedge ist schon schick. Aber für die meisten sind diese Begriffe Böhmische Dörfer. Im folgenden erkläre ich, was es mit Raw Denim und Selvedge Denim Jeans auf sich hat.

Was ist der Unterschied zwischen Raw Jeans und Selvedge Selvedge?

Raw Denim ist Jeansstoff, der nicht industriell vorgewaschen wurde. Selvedge Denim ist Jeansstoff, der auf einem alten Webstuhl produziert wurde.

Auch wenn es oft zusammen genannt wird: Raw Denim und Selvedge Denim haben zunächst einmal nichts miteinander zu tun. Jedoch wird bei Selvedge Jeans oft der Produktionsschritt der industriellen Wäsche ausgelassen. In solchen Fällen handelt es sich um Raw Selvedge Jeans. Es gibt jedoch auch vorgewaschene Selvedge Jeans. Genauso wie es Raw Denim gibt, der mit einer modernen Webmaschine produziert wurde und eine offene Webkante aufweist.

Selvedge Denim ≠ Raw Denim ≠ Denim aus 100% Baumwolle ≠ Blue Jeans

Raw Selvedge Jeans sind typischerweise aus reiner Baumwolle, doch gibt es sie mittlerweile immer öfter mit Stretch-Anteil.
Und .. die meisten Raw Selvedge Jeans sind Blue Jeans. Es gibt aber auch andere Farben, z.B. Schwarz und Ecru.

Hier zwei eher untypische Selvedge Jeans:

Selvedge Jeans

Selvedge bzw. Selfedge steht für eine geschlossene Webkante. Der Stoff für Selvedge Jeans wird auf alten Schiffchen-Webstühlen (shuttle looms) produziert. Bei diesen wird der (meist weiße) Schussfaden von einer Spule abgewickelt, die im Shuttle wechselseitig von links und von rechts durch die (meist blauen) Kettfäden fährt. Der Faden wird dabei nicht wie bei modernen Webmaschinen nach jeder Reihe abgeschnitten, sondern wieder zurück, in die Gegenrichtung, mitgenommen. Der Schussfaden wird also um die letzten Kettfäden gewunden. Dadurch entsteht die geschlossene Webkante.

Mittlerweile stellt niemand mehr neue Schiffchen-Webmaschinen für die Denim-Produktion her. Deshalb bleibt den Webereien nichts anderes übrig, als neuen Selvedge Denim auf alten Webstühlen zu produzieren. Also Maschinen, die 50 Jahre und älter sind. Die Nachteile liegen auf der Hand: die alten Maschinen sind wartungsanfällig. Außerdem produziert eine shuttle loom mit knapp 80cm deutlich schmalere Stoffe als moderne Webmaschinen, die doppelt so breite Stoffbahnen weben.

Non-Selvedge Denim und Selvedge Denim
Non-Selvedge Denim (151cm) und Selvedge Denim (83cm)

Dazu kommt, dass moderne Webmaschinen deutlich schneller arbeiten. Einen Vorteil haben die alten Schützenwebmaschinen aber doch: sie produzieren konstruktionsbedingt die begehrte geschlossene Webkante, den Selvedge. Außerdem argumentieren einige, dass die Fadenspannung beim Weben mit Schützen geringer ist, was sich vorteilhaft auf den späteren Charakter der Auswaschungen auswirkt.

Die grundsätzliche Funktionsweise solcher alten Webmaschinen wird mit diesem Lehrvideo anschaulich gemacht.

In der Industrie sieht das dann so aus:

Weben von Selvedge Denim (© Guido Wetzels, Blaumann-Jeanshosen)

Für Selvedge Denim werden typischerweise auf beiden Seiten die letzten Kettfäden in einer anderen Farbe gewählt, z.B. Weiß und Rot. Dies war früher eine einfache Art, mit der Webereien unterschiedliche Qualitäten für verschiedene Kunden auseinanderhalten konnten, z.B. Weiß-Rot-Weiß für Levis.

Kette mit farbigen Fäden für die Selvedge-Kante
Linke Seite der Kette mit farbigen Fäden für die Selvedge-Kante (© Guido Wetzels von Blaumann-Jeanshosen)

Heute ist die Farbe der äußeren Kettfäden in erster Linie eine Stil- und Markenfarbe. Neben dem Klassiker Weiß-Rot-Weiß gibt es nahezu jede denkbare Farbkombination. So verwendet z.B. Blaumann für seine 15oz Jeans aus Organic Selvedge Denim von Kuroki die Farben Weiß-Blau-Grün. Blau steht dabei für die Blaumann Marke und Grün für die Verwendung von Biobaumwolle. Für seinen Schmalen Blaumann Ecru Organic verwendet das deutsche Label die Farben Weiß-Grün. Johann Ruttloff stellte die H3 bMS aus Denim von Nihom Mempu her. Dieser hat eine klassische Weiß-Rot-Weiß Selvedge-Kante. Kuyichi dagegen verwendet traditionell Weiß-Orange. Andere nutzen das komplette natürliche Farbspektrum zur Imitation eines Regenbogens.
Praktisch lässt sich jede beliebige Farbkombination als Selvedge weben. Die naheliegende, aber vermutlich seltenste Sevledge-Farbe, zumindest bei Blue Jeans, ist Blau. Frei nach dem Motto: wenn schon Selvedge, dann bitte auffällig.

Da die Selvedge-Kante bei Jeans sowohl Statussymbol als auch dekoratives Element bei umgeschlagenen Hosenbeinen ist, umketteln einige Denim-Label ihre Non-Selvedge Denims mit farbigen Fäden.

Die Stoffe der meisten heute produzierten Jeans werden mittles moderner Webmaschinen hergestellt, bei denen ein Automatismus den Schuss-Faden (engl.: weft) mittels Projektil oder ähnlichem durch die gespreizten Kettfäden (engl.: warp) schießt. Ein solcher Schussfaden ist nur etwas länger als die Breite der nebeneinanderliegenden Kettfäden. Der Schussfaden wird also am Stoffbahnrand nicht wieder zurückgeführt, sondern bleibt lose. Deshalb weisen diese Jeansstoffe beidseitig eine offene Webkante auf (Non-Selvedge).

Moderne Webmaschine ohne Shuttle (© Guido Wetzels von Blaumann-Jeanshosen)

Selvedge-Check

Zum Glück ist es schwierig, eine Selvedge-Kante so zu imitieren, dass ein geübtes Auge auf den Fake reinfällt. Folgende Fragen solltest du bei jeder Selvedge Jeans mit JA beantwortet können:
Dreh für den Check zunächst die komplette Jeans auf links:

  • Geht die Selvedge-Kante über die gesamte Länge der Außenseite des Beins?
  • Existieren zumindest bei einer Selvedge-Kante am Bein alle 15cm bis 40cm sichtbare Fadenenden?

Aber wieso Fadenenden bei einer geschlossenen Webkante? Das kommt daher, dass es keine Endlosfäden gibt und deshalb auch bei Selvedge beim Weben am Ende einer Fadenrolle der Faden abgeschnitten wird, um die nächste Reihe mit einem neuen Faden zu beginnen. Deshalb gibt es genaugenommen rein technisch kein 100% Selvedge. Irgendwann ist jeder Faden zu Ende. Bei den alten Webstühlen misst ein mechanischer Fühler kontinuierlich die Restdicke der Schussfadenrolle. Solange es noch für eine Reihe reicht, wird weitergesponnen. Reicht der Restfaden nicht mehr, wird der Faden am Ende der Reihe abgeschnitten und mit einer neuen Rolle begonnen. Da der Rollenwechsel typischerweise immer auf der selben Seite des Webstuhls erfolgt, hat nur eine Seite der Stoffbahn diese Selvedge-typischen Fadenenden.

Fadenenden an der Selvedge-Kante bei einer Ruttloff H3 bMS
Fadenenden an der Selvedge-Kante bei einer Ruttloff H3 bMS – die untere Kante weist die Selvedge-typischen Fadenende auf, die obere Seite nicht.

Die Farbe der Selvedge-Kante sagt nicht über Echtheit oder Wert des Stoffes aus. Obwohl die Standardfarbkombination Weiß-Rot-Weiß ist, wird Selvedge in allen erdenklichen Farben produziert. Auch wenn die Außenfäden in der selben Farbe gehalten ist wie der Rest des Stoffs, wenn also die blauen (oder schwarzen oder ..) Kettfäden bis ganz ans Stoffbahnende gehen, handelt es sich um Selvedge Denim.

Vorteile von Selvedge Jeans

Verbraucher schätzen bei Selvedge Jeans die Exklusivität. Die praktisch nicht zu fälschende und gut sichtbare Webkante ist ein deutliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber herkömmlichen Jeans. Zumindest für Kenner. Außerdem kann der Verbraucher meist zu Recht davon ausgehen, dass eine Selvedge Jeans aus den besten Materialien besonders hochwertig verarbeitet wurde.

Nachteile von Selvedge Jeans

Da die Stoffproduktion mit alten Schützenwebstühlen, auf denen Selvedge Stoffe produziert werden, deutlich teurer ist, als die Stoffproduktion auf modernen Webautomaten, müssen Jeans mit Selvedge-Kante mehr kosten als solche ohne. Dazu kommt, dass die Kosten in der Konfektion höher sind. Dies liegt alleine schon am größeren Verschnitt, der durch die schmaleren Stoffbahnen bei Selvedge entsteht.

Ein weiterer Nachteil von Selvedge Jeans ist die technisch bedingte Limitierung an Passformen. Da bei Selvedge Jeans typischerweise die Stoffkanten für die langen Beinstoffstücke so geschnitten werden, dass die Kanten über die gesamte Beinlänge verlaufen, muss der Stoff am Außenbein gerade geschnitten sein. Selvedge Bootcut und Selvedge Karotte sind deshalb eher selten.

Raw Jeans

Raw bzw. Dry Denim steht für Jeansstoff in seiner ursprünglichen Form: rau und roh und mit seiner ganzen Farbe! Keine anderen Jeans bieten so gute Voraussetzungen für individuelle Fadings wie Jeans aus Raw Denim!

Durch Tragen und Wäsche verliert Denim mit der Zeit an Farbe. Außerdem wird Jeansstoff durch Gebrauch und Wäsche immer dünner und weicher.
Die meisten Jeans werden bei ihrer Herstellung gleich nach ihrer Konfektion das erste Mal gewaschen. Entfällt diese industrielle Wäsche, spricht man von Raw Denim Jeans (bzw. Dry Denim Jeans).
Raw Denim besitzt noch seine komplette Farbe. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass solche Jeans immer besonders dunkel sein müssen. Es gibt auch Jeansstoff, deren blauer Faden nur wenig gefärbt wurde, womit der Stoff selbst als Raw Denim vergleichsweise hell ist.

Raw Jeans haben meistens einen deutlich festeren Griff und eine rauere Oberfläche als industriell vorgewaschene Jeans. Dies liegt daran, dass die Baumwollfäden vor dem Weben gestärkt werden, um den Verschleiß beim Webvorgang gering zu halten. Diese Stärke ist bei Raw Denim noch komplett im Gewebe, da sie nicht ausgewaschen wurde. Denim Puristen schätzen steife Jeansstoffe, da sich bei diesen die gewünschten Hell-Dunkel Kontraste besonders intensiv ausbilden.

Die meisten heute angebotenen Raw Denim Modelle sind sanforisiert. D.h., dass die bei unbehandeltem Denim typische starke Wasch-Schrumpfung vorweggenommen wurde. Deshalb laufen diese Raw Denim Modelle später nur sehr wenig ein. Typisch sind etwa 2% bis 3% bei der ersten Wäsche.

Raw Selvedge Jeans

Raw Selvedge Jeans werden aus nicht vorgewaschenem Selvedge-Denim produziert. Weitere Parameter gibt es nicht. Das trifft auch auf die Stoffqualität, das Design, den Schnitt, die Stoffstärke, die Farbe u.s.w zu.

Raw Selvedge mit Stretch?

Die meisten Jeans aus Raw Selvedge Denim sind aus 100% Baumwolle. Jedoch wächst in jüngster Zeit der Anteil der Raw Selvedge Jeans mit Elasthan-Anteil. Der einzige Unterschied zu Raw Selvedge Jeans aus reiner Baumwolle ist, dass der Denim bei Modellen mit Stretch mit einem Schussfaden verwebt wurde, der einen Elasthan-Kern enthält. Ansonsten ist alles identisch: Raw Selvedge Denims mit Stretch werden auf den gleichen alten Webstühlen produziert und kommen ebenso ohne industrielle Wäsche aus wie die klassischen Raw Selvedge Stoffe.

Warum kosten Raw Selvedge Jeans meist mehr als vorgewaschene Non-Selvedge Jeans?

Praktisch der einzige Vorteil der Denim-Produktion auf Schiffchenwebstühlen ist, dass die produzierten Stoffbahnen eine geschlossene Webkante (den Selvedge) haben. Diese Materialeigenschaft lässt sich nur schwer imitieren. Und sie ist gut sichtbar. So hat es sich in der Branche durchgesetzt, dass die hochwertigsten Garne oft auf den ältesten Webstühlen verarbeitet werden: als Ausdruck von Leidenschaft für die Denim-Kultur und besonderer Hingabe zu Qualität.

Moderne Webmaschinen arbeiten deutlich schneller als die alten shuttle looms und produzieren zudem etwa doppelt so breite Stoffbahnen bei gleicher Webqualität. Sie sind deshalb den alten Maschinen überlegen und haben diese bei der Denim-Produktion fast vollständig ersetzt.

Wartungsanfällige + langsame Produktion + schmale Bahnen + hochwertige Garne = hohe Kosten

Aus diesen Gründen sind Selvedge Jeans teurer als 99+% aller anderen Jeans.
Dies gilt auch für Raw Selvedge Modelle. Grundsätzlich sind Raw Jeans günstiger zu produzieren als Jeans, die einer industriellen Vorwäsche oder gar einer Veredlung unterzogen wurden. Jedoch sind die durch die fehlende Wäsche eingesparten Produktionskosten geringer als die Mehrkosten für den Selvedge.

Bezogen auf Produktionskosten gilt für Selvedge Jeans das Gleiche wie für alle anderen Produkte: es gibt kaum etwas, dass sich nicht noch schlechter machen lässt. Nur die geschlossene Webkante alleine sagt nichts über die Stoffqualität, über das Design und die Sorgfalt bei der Konfektion aus. Deshalb gibt es auch bei (Raw) Selvedge Jeans große Preisunterschiede.

Selvedge Jeans – die ökologische und soziale Seite

Selvedge Jeans sind im Vergleich zu konventionell produzierten Jeans nachhaltiger:

  • Selvedge Jeans stehen für Exklusivität und gelten, zumindest in der Denim Community, als Statussymbol. Oftmals ist die Herstellung einer Jeans aus Selvedge Denim mit Dingen verbunden, die bei der konventionellen Jeans-Produktion selten sind: Leidenschaft, Liebe fürs Detail und Klasse statt Masse.
  • Selvedge Jeans werden oft viele Jahre getragen. Wenn eine solche Jeans erstmal eingetragen ist, besitzt sie eine unverwechselbare Individualität. Deshalb werden solche Schätzen, wenn sie Schadstellen bekommen, repariert und nicht einfach weggeworfen.
  • Der Stoff der meisten Selvedge Jeans ist vergleichsweise dick, so dass sie entsprechend länger halten.

Wenn die Garne, aus denen Selvedge Denim hergestellt wird, aus Bio-Baumwolle oder recycelter Baumwolle bestehen, verbessert sich die Umweltbilanz weiter.

Organic Selvedge Denim

Organic Selvedge Denim ist Jeansstoff, der auf alten Schützenwebstühlen mit Garn aus Bio-Baumwolle gewebt wird. In Deutschland gibt es mehrere Hersteller von Selvege Jeans aus Organic Cotton: Blaumann, Johann Ruttloff und DSIDE.

Recycled Selvedge Denim

Recycled Selvedge Denim ist Jeansstoff, der auf alten Schützenwebstühlen mit Garn aus recycelten Materialien gewebt wird. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Pre-Consumer Recycling. Z.B. produziert Kuyichi Selvedge Jeans, die aus 100% Pre-Consumer Baumwolle bestehen.

Links

Selvedge Jeans im WebShop
Raw Jeans im WebShop
7 Fragen zu Raw Denim Jeans
Video-Erklärung Raw Denim

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