Blüte des Falschen Jasmins vor einem blauen Jeanshemd

Gesunde Jeans

Jeans gehören zu den am häufigsten getragenen Textilien. Sie können deshalb entscheidenden Einfluss auf dein Wohlbefinden und deine Gesundheit haben. In diesem Artikel zeige ich, wie du selber bestimmst, wie gesund, oder eben auch wie ungesund, eine Jeans ist. Die wichtigsten Kriterien bei Jeans sind Passform und Schadstofffreiheit des Stoffs. Stoffzusammensetzung und Pflege spielen ebenfalls eine Rolle.

Ist Indigo ungesund?

Wenn über Gesundheitsaspekte einer Jeans gesprochen wird, steht oftmals Indigo, der Farbstoff jeder Blue Jeans, im Mittelpunkt.

Laut Historikern ist Indigo seit mindestens 7.000 Jahren als Farbstoff bekannt. Archäologen haben bei einer ägyptischen Mumie, balsamiert um 2.500 vor Christus, ein mit Indigo gefärbtes Stück Stoff aus Hanf gefunden [1].
Männer des westafrikanischen Volkes der Tuareg tragen traditionell ein mit Indigo gefärbten Stoff als Turban und Schleier, den Tagelmust [2]. Wegen des Abfärbens des Farbstoffs auf die Haut werden die Träger auch als “Blaue Männer” bezeichnet. Indigo gilt dort als gesundheitsfördernd.
In der modernen Medizin wird Indigo als Kontrastfärbemittel injiziert bzw. verabreicht, z.B. bei der Krebsdiagnostik. Und in der Lebensmittelindustrie findet Indigo (“Indigotin”) Anwendung, um Lebensmitteln eine blaue Farbe zu geben.

Diese Beispiele zeigen, dass der Farbstoff Indigo gesundheitlich unbedenklich ist. Was also unterscheidet eine gesunde Jeans von einer Jeans, die für dich potentiell ungesund ist, wenn es nicht der Farbstoff Indigo ist?

Passform und Gesundheit

Wenn es nur um die Passform ginge, müsste wir alle Jeans tragen, die uns mindestens zwei Nummern zu groß ist. Also so locker, dass du auf jeden Fall Hosenträger brauchst, damit sie nicht runterrutschen. Sehr locker sitzende Jeans engen nicht ein. Das ist das Entscheidende.
Nun sind für die meisten Menschen Hosenträger-gestützte Jeans keine Option. Das heutige Schönheitsideal feiert eher enge Schnitte. Zumindest im Bereich des Bunds.

Die Zeit der Skinny-Jeans scheint vorbei zu sein. Aber es gibt immer noch Verkäufer, die dir empfehlen, eine Stretch-Jeans mindestens zwei Nummern zu klein zu kaufen. Damit die Hose auch nach dem Eintragen noch eng sitz.
Der Nachteil hautenger Jeans ist, dass sie ungesund sind. Das hat zwei Gründe:

  • Jeans die einschnüren üben einen dauernden Druck auf deine inneren Organe aus. Du fühlst dich unwohl.
  • Bei eng sitzenden Jeans ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Chemikalien aus dem Jeansstoff über unsere Haut aufnehmen, besonders groß.

Hautunverträglichkeiten bei Jeans

Jeans kommen während ihrer Produktion und auch noch danach mit verschiedenen Chemikalien in Berührung.

  • Chemikalien-Rückstände vom Baumwollanbau
  • Chemikalien-Rückstände vom Färben
  • Chemikalien-Rückstände von der Veredlung
  • Chemikalien, die Textilien während ihres Transports annehmen
  • Chemikalien, die Jeans bei der häuslichen Wäsche annehmen
In der Mitte eine Jeans und um die Jeans herum Pfeile die zeigen, woher Gifte in unseren Jeans kommen

Chemikalien-Rückstände vom Baumwollanbau

Einige bezeichnen Baumwolle als die “schmutzigste Pflanze der Welt”, bezogen am Einsatz von Pflanzenschutzmitteln [5]. Der massive Einsatz von Pestiziden beim konventionellen Baumwollanbau hat in erster Linie katastrophale Auswirkungen auf die Baumwollbauern. Wer dafür nicht mitverantwortlich sein will, kauft keine Textilien mit konventioneller Baumwolle. Auswirkungen auf deine eigene Gesundheit hat es aber vermutlich nicht. Ich kenne keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Chemikalien bei Aufzucht/Pflege der Baumwollpflanze und der Konzentration gesundheitlich bedenklicher Bestandteile einer fertigen Jeans belegt. In den meisten Fällen wird die Baumwolle bei der Jeansproduktion mehrfach gewaschen. Mindestens nach dem Färben und dann nochmal nach der Veredlung. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass alle Rückstände aus der Pflanzenaufzucht ausgewaschen sind, bevor dich die Baumwolle in Form einer Jeans erreicht. Trotzdem: wenn du ganz sicher sein willst, dass deine Jeans frei von Pestiziden ist, wähle eine aus Bio-Baumwolle. Beim Bio-Baumwollanbau ist der Einsatz toxischer Chemikalien verboten.

Chemikalien-Rückstände vom Färben

Der Farbstoff einer jeden Blue Jeans ist Indigo. Das heute verwendete synthetische Indigo hat die gleichen Eigenschaften wie pflanzliches Indigo: es haftet nur widerwillig an der Baumwollfaser. Um dennoch Baumwolle mit Indigo zu färben, werden Chemikalien, zum Beispiel Reduktionsmittel, benötigt. Diese unterscheiden sich von Verfahren zu Verfahren [3]. Diese Chemikalien sind es, denen die Jeans-Industrie u.a. ihren schlechten Ruf verdankt. Zum einen entsteht bei der Produktion Abwasser, welches potentiell schädlich für unsere Umwelt ist. Zum andern können diese Chemikalien für dich als Verbraucher ein Problem sein, wenn sie nicht bei Produktion rückstandsfrei ausgewaschen worden sind.

Moderne Verfahren, z.B. Smart-Indigo™ der Firma Sedo Engineering SA, kommen ohne den Einsatz problematischer Chemikalien aus. Jedoch ist derzeit die Anzahl der Lizenznehmer noch sehr begrenzt. Weltweit färben von den zirka 3.000 Färbereien nur neun Unternehmen nach Smart-Indigo (März 2023). In Europa ist es sogar nur ein Lizenznehmer [7].

Chemikalien-Rückstände von der Veredlung

Bei der Veredlung wird die fertig konfektionierte Jeans mittels unterschiedliche Verfahren künstlich gealtert, um den begehrten Used-Look zu erhalten. Die meisten Jeans werden mit einem oder mehreren der folgenden Verfahren behandelt:

  • Waschen (stone-wash, sand-wash)
  • Manueller Abrieb (z.B. mit Schleifsteinen, Drahtbürsten u.ä.; Sandstrahlen)
  • Bleiche
  • Laser

Verfahren mit manuellem Abrieb können gesundheitsschädlich für die Arbeiter beim Produzenten sein. Für die Gesundheit der Endkunden spielen sie jedoch keine Rolle. Das gleiche gilt für Laser-Verfahren und andere abrieborientierte Wäschen. Wichtig ist lediglich, dass bei der finalen Industriewäsche dir Rückstände, also Staub bzw. verbrannte Partikel vom Lasern, ausgewaschen werden.

Im Gegensatz zu den mechanischen Verfahren und der Laser-Variante bedeutet Bleichen den Einsatz von Chemikalien, d.h. starken mit Oxidationsmitteln [2]. Werden diese nicht wieder rückstandsfrei ausgewaschen, bleiben Reste im Jeansstoff und können zu unangenehmen Gerüchen und Hautreizungen führen.

Eine Alternative zum herkömmlichen Bleichen ist die Enzym-Wäsche.

Chemikalien, die Textilien während ihres Transports annehmen

Vor allem bei Schiffscontainern ist es immer noch gängige Praxis, diese vor der Reise bzw. zur Reinigung zu begasen. Am häufigsten werden dafür Insektenvernichtungsmittel und Fungizide eingesetzt. Erstere solle die Ware schützen und helfen gegen unerwünschte Ausbreitung fremder Arten [6]. Fungizide verhindern während des Transports ein Schimmeln der Ware. Leider decken Zertifikationen wie GOTS, deren Ziel der Schutz der Umwelt und der Gesundheitsschutz der Arbeiter und Verbraucher ist, den Transportweg nicht ab. So kann eine in Fernost nachhaltige und nach GOTS zertifizierte Jeans in einem Container transportiert worden sein, der begast wurde. Wenn du das vermeiden möchtest, wähle ein Jeans, die in Europa oder der Türkei bzw. Nordafrika produziert wurde.

Wie kannst du feststellen, wie deine Jeans transportiert wurde? In Abhängigkeit vom Herkunftsland werden in den meisten Fällen folgende Transportwege nach Deutschland verwendet:

  • Asien: per Schiff
  • Amerika: per Schiff
  • Nordafrika: per Schiff übers Mittelmeer (z.B. nach Genua), dann weiter per LKW
  • Türkei: per LKW
  • Italien: per LKW
  • Deutschland: per LKW

In Einzelfällen werden Jeans per Luftfracht transportiert. Da dies extrem teuer ist, stellt es die Ausnahme dar.

2.000 Jeans für Torland auf vier Paletten
Torland Jeans produziert in der Türkei. Hier wurden 2.000 Jeans auf vier Paletten per LKW nach Wien geliefert. (© Sascha Hümbeli, Torland Jeans)

Chemikalien, die Jeans bei der häuslichen Pflege annehmen

Der beste Tipp für deine häusliche Pflege ist folgender: wasche deine Jeans so selten wie möglich, verwende ein schonendes Waschmittel und benutze kein Weichspüler.
Unsere detaillierten Tipps für eine perfekte Jeanswäsche findest du hier. Falls Weichspüler für dich ein Thema ist, sieh dir diesen Artikel über Jeans mit Weichspüler waschen an.

Raw Jeans

Raw Jeans bzw. Dry Jeans werden im letzten Produktionsschritt nicht gewaschen. Dass bedeutet, dass die abschließende Produktionswäsche zum Ausspülen etwaiger Chemikalien und von Verschmutzungen, die die Jeans bei Produktion und Transport aufgenommen hat, nicht stattfindet. Deshalb sollten Konsumenten gerade bei Raw Jeans besonderen Wert auf hochwertige Stoffe und vertrauenswürdige Hersteller legen.

Menschen, deren Haut gegenüber Textilien besonders empfindlich reagieren, sollten aus meiner Sicht gegenüber Raw Jeans zurückhaltend sein. Eine andere Möglichkeit sind Rinse Jeans. Diese wurde am Ende ihrer Herstellung industriell leicht gewaschen, sozusagen “einmal kurz durchs Wasser gezogen”. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass neue Rinse Jeans hautschädigende Chemikalien enthalten geringer als bei neuen Raw Jeans.

Stoffzusammensetzung

Jeans aus recycelten Fasern

Jeans-Recycling ist eines der Trendthemen. Im Sinne einer konsequenten Kreislaufwirtschaft ist es vernünftig, auch für die Jeansproduktion Garne aus recycelten Fasern zu verwenden. Dies kann jedoch in Einzelfällen aus gesundheitlicher Sicht problematisch sein.
Einige Verbraucher legen wegen Hautunverträglichkeiten Wert darauf, dass der Stoff ihrer Jeans aus Biobaumwolle produziert wurde. In diesen Fällen empfehle ich, Jeans aus Rezyklaten zu vermeiden. Ausgangsmaterial für das Jeans-Recycling sind in den meisten Fällen Jeans aus konventioneller Produktion.
Dazu kommt, dass bei Post-Consumer Fasern nicht ausgeschlossen werden kann, dass die recycelten Jeans vorher mit Chemikalien in Verbindung gekommen sind, die sich bei der Produktionswäsche nicht einfach entfernen lassen.

Jeans mit Leinen oder Hanf

So wie Baumwolle gelten Leinen- und Hanf-Stoffe an sich als ausgesprochen hautfreundlich. Jedoch gibt es wie bei der Baumwolle auch bei Flachs (Leinen) Unterschiede im Anbau. Beim biologischem Anbau wird grundsätzlich auf den Einsatz von Schädlingsvernichtungsmitteln verzichtet. Hanf gilt als ausgesprochen wachstums- und konkurrenzstarke Pflanze, für die eine mechanische Unkrautunterdrückung ausreicht.

Einige wenige Verbraucher empfinden die spezielle Textur von Jeansstoffen mit Leinen- bzw. Hanf-Anteil als unangenehm.

Jeans mit Polyester

Immer mehr Jeans werden mit einem Anteil an Polyester hergestellt. Polyester kann die Formbeständigkeit von Stretch-Jeans verbessern. Außerdem wird diese günstige und haltbare Faser zunehmend als Ersatz für Baumwolle eingesetzt. Ein Nachteil von Polyester in Jeans ist die geringe Luftdurchlässigkeit. Das kann im Sommer schnell zu einem unangenehmen, klebrigen Gefühl an den Beinen führen.

Wie kann ich gesunde Jeans finden?

Beim Kauf einer neuen Jeans solltest du auf folgendes achten, wenn deine Gesundheit ein wichtiges Kaufargument ist:

  • die Jeans sollte perfekt passen und dich auf keinen Fall einengen
  • wähle Jeans aus Bio-Baumwolle
  • entscheide dich für eine ungefärbte Jeans (“Ecru”) oder frage den Verkäufer, welche Jeans mit einem elektrochemischen Verfahren gefärbt wurden
  • verzichte auf starke Waschungen, nimm besser eine dunkle Jeans (z.B. Raw Jeans oder Rinse Jeans)
  • bevorzuge Jeans, die in Europa gefertigt wurden und meide Jeans, die einen langen Transportweg hinter sich haben

Links, Quellen und Danksagung

Jeans und Gesundheit – mein Video zum Thema

7 Fragen zu Jeans und Gesundheit

Denim Jeans Production Process

[1] Denim Manufacture, Finishing and Applications; Edited by Roshan Paul

[2] Tagelmust – Wikipedia

[3] Dying of denim with indigo by Jadu N Chakraborty, National Institute of Technology Jalandhar

[4] Technology of industrial denim washing: review by Dakuri Arjun, J. Hiranmayee & M. N. Farheen

[5] The casualties of cotton; Environmental Justice Foundation

[6] Zehntausende Container sind mit giftigen Gasen belastet

[7] Email von Sedo-Engineering am BYTEMYSTORK vom 28.2.2023

Herzlichen Dank an Dietrich Weigel, ehemaliger Eigentümer von goodsociety, für die fachliche Beratung.

Marco Rahn
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